5. Dezember 2021 11:00 bis 13:00

05. Dezember 2021

Wowo Habdank liest aus: Fritz Wagner: Bergheim – Im Schatten des Obersalzbergs


Auf Franz’ behütete Kindheit während der 1950er- und 60er- Jahre in einem kleinen Bergdorf in unmittelbarer Nähe zum Obersalzberg fallen immer wieder kleine verstörende Schatten – Nachfragen dazu an die Eltern bleiben stets unbeantwortet.
Hintergrund: Der Vater wurde als junger Ingenieur zum Obersalzberg berufen, wo er ab 1937 als Bauleiter mit dem Bau der Straße zum Kehlstein beschäftigt war, die zu jenem Felsvorsprung führte, auf der Bormann als Geschenk zu Hitlers 50. Geburtstag das sog. Teehaus errichten ließ. Danach war er durch seine Zuständigkeit für die Tiefbauarbeiten am Obersalzberg mitverantwortlich für die radikale Umgestaltung des Berges und damit auch für die Vertreibung der vormaligen Bewohner und Eigentümer.
In den Nachkriegsjahren führt Franz’ Vater immer wieder Besucher und Geschäftsfreunde über das von den alliierten Bombern hinterlassene Trümmerfeld am Obersalzberg, berichtet stolz über die Bauleistungen und hat keinen Blick für das dort geschehene Unrecht. Er ist im politischen Nachkriegsdeutschland ohnehin nie richtig angekommen und sieht in der Katastrophe des Dritten Reiches auschließlich den Verlust des Krieges. Gerne schwadroniert er darüber mit Besuchern aus der „damaligen Zeit“, die sich gelegentlich im Haus der Bergers einfinden.
Für Franz Berger, das Alter Ego des Autors, ist die Ruinenlandschaft ganz normale Realität und ein riesiger Abenteuerspielplatz, der ehemalige SS-Exerzierplatz wurde zum Fußballfeld, und einmal im Jahr ist dort der Start zu einem spektakulären Autorennen, dem „Roßfeld-Bergpreis“. Ansonsten herrschen dort die „Amis“, die praktisch den ganzen Berg zur „Recreation Area“ für ihre Streitkräfte erklärt haben. Die Busfahrt zum Kehlstein und die Besichtigung der Bunkeranlagen hingegen sind feste Bestandteile des Berchtesgadener Touristik-Programms.
Der Autor nähert sich seiner Hauptfigur mit vorsichtiger Ironie und begleitet sie durch eine dörflich geprägte Kindheit und eine verwirrende Pubertät, die geprägt ist durch die Verhältnisse der ebenfalls pubertären Nachkriegsrepublik: einer verriegelten Sexualmoral, den unverarbeiteten Kriegserlebnissen vieler Erwachsener, dem Verschweigen und Verdrängen von Unrecht und Schuld, aber auch dem Aufkommen von Popkultur und Hippiemode.
Nach dem frühen Krebstod des Vaters, gepaart mit wirtschaftlichem Niedergang der Familie, lernt Franz im Fußballverein einen älteren Mitspieler kennen, der ihn über die Vergangenheit – nicht nur des Obersalzbergs – aufklärt. So hebt sich für Franz langsam der Vorhang, der sowohl über den Verbrechen liegt, die am Obersalzberg begangen und ersonnen wurden, und über die weder in der Familie noch in der Schule oder im Dorf gesprochen wird, als auch über den möglichen persönlichen Verstrickungen des Vaters. Dessen antisemitische Äußerungen, die Franz früher nicht verstanden hatte, die Entdeckung väterlicher Aufzeichnungen und Dokumente sowie Aussagen der Mutter ergeben ein neues, logisch zusammenhängendes Bild seines Vaters.

Wowo Habdank – Copyright: Christian Hartmann

Wowo Habdank ist Schauspieler, Sprecher und Autor. Er lebt mit seiner Familie in Holzhausen am Starnberger See und spielte jahrelang an verschiedenen Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er ist bekannt aus zahlreichen Film-, Fernseh- und Hörspielproduktionen und als „Anton Hofreiter“ vom Nockherberg.