Freitag, 06. Februar 2015

Leserbrief zum Artikel „Die Mission des Diakons“

Abendland zum Abwinken – zu „Die Mission des Diakons“ von Matthias Köpf (SZ, 04.02.15)

Am Mittwoch, den 12.Nov.2014 saß ich am Abend mit meinem Sohn und seinem Kumpel in einem Geretsrieder Restaurant und wollte dem erregten Freund aus der Realschule nicht glauben, was er erzählte. Von Kreuzen, die der christliche Schulleiter in den Klassenzimmern haben wollte gegen den Widerstand der meisten Lehrer, von seiner Beschimpfung säkularer Lehrkräfte und der Drangsalierung der Schüler. Ein christlicher Hardliner im öffentlichen Dienst kann scheinbar ohne Folgen auf Kreuzzug gehen? Wie aus dem informativen Artikel Ihrer Zeitung nun hervorging, zum Glück doch nicht.

In diesem in letzter Zeit viel genannten „Abendland“, einer im Wesentlichen scheinbar deutschen Erfindung, wird es gute 300 Jahre nach Beginn des Zeitalters des Lichts, der „Aufklärung“, stellenweise ganz schön dunkel. Unter katholischer Trägerschaft stehende Kliniken verweigern einem Vergewaltigungsopfer aus sog. „ethischen“ Gründen die dringend benötigte Hilfe in Form der ‚Pille danach‘, ein Chefarzt darf mit höchstrichterlichem Segen aus einer unter katholischer Trägerschaft stehenden Klinik gekündigt werden, weil er sich zum zweiten Mal wieder verheiratet und ostdeutsche Nationalisten rücken zu Zehntausenden mit schwarz-rot-goldenen Kreuzen bewaffnet gegen Flüchtlinge vor. Da wundert man sich zum einen fast kaum noch über diesen Diakon als Schulleiter im Auftrag des Herrn.

Verwunderlich ist allerdings schon, wieso diese Sachverhalte im 21.Jahrhundert viel zu wenige Schüler, Eltern, Bürger und erst recht Politiker auf den Plan rufen. Im vorliegenden Fall wäre die umgehende, nicht anonyme Benachrichtigung der Medien, die sofortige Information des Kultusministeriums und ein Protestlauf von Eltern und Schüler dringend angesagt gewesen. Ganz offensichtlich herrscht jedoch weit verbreitende Unsicherheit und Mutlosigkeit im Hinblick auf die Macht der christlichen Funktionäre, deren hervorragendes Netzwerk bis in höchste Regierungskreise deutschlandweit und der besonderen Stellung der „unser’nen Partei“ hierzulande. Ein nicht nur von säkularen Menschen beklagter Zustand., wobei in Zusammenhang mit den Ereignissen an der Realschule Geretsried nicht unerwähnt bleiben soll, dass ein umgehender Volksaufstand bis in höchste Kreise gewiss gewesen wäre, hätte ein muslimischer Würdenträger seine Funktion als Schulleiter in vergleichbarer Weise missbraucht.

Nun, das „ Abendland“ war ja nach römischem Verständnis und der Brockhaus-Ausgabe von 1932 der Teil der Welt, in dem die Sonne untergeht. Zu überlegen ist fast schon, ob man das Licht nicht gleich ganz ausmachen sollte.

Assunta Tammelleo
Kulturbühne Hinterhalt