Ein Hoch auf die Freiheit –  Der Freche Mario, Charlie Hebdo und Sigi Zimmerschied im Geltinger Hinterhalt

Ein rabenschwarzer Tag jährte sich am 07.Januar 2016 zum ersten Mal. Auf den Tag genau ein Jahr zuvor waren zwei schwer bewaffnete Männer in die Redaktionsräume des Satiremagazins „Charlie Hebdomadaire“ in Paris eingedrungen, hatten dort und in einem nahe gelegenen Supermarkt insgesamt 17 Menschen umgebracht und damit ihrer Absicht grausame Wirkung verschafft, „ihren“ Propheten Mohammed zu rächen, der von den gotteslästerlichen Zeichnungen des „Charlie Hebdo“ so unentschuldbar schwer beleidigt worden sei. Die zahlreichen Religionsvertreter allüberall auf der Welt waren im Anschluß an dieses Blutbad sofort zur Stelle, um lautstark zu verkündigen, dass dieser Terror in Paris mit ihrer Religion nichts, aber auch wirklich gar nichts zu tun hätte. Hat er tatsächlich nicht? Laurent Saurisseau, „RISS“, der aktuelle Chefredakteur (der beim Attentat 2015 schwer verletzt wurde), sieht das ganz anders. Im 1 Million Mal aufgelegten Heft ein Jahr danach zeichnet er auf der Titelseite den Mörder auf der Flucht… ein Gott, blutverschmiert, mit irrem Blick und Kalaschnikow auf dem Rücken, s. auch http://derstandard.at/2000028448226/Mordender-Gott-auf-Titelseite-von-Charlie-Hebdo-Sonderausgabe.

Diesen Tag nahmen die Betreiber der Kulturbühne Hinterhalt, Assunta Tammelleo und Wolf Steinberger, zum Anlaß, gemeinsam mit dem Bund für Geistesfreiheit München, dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (www.ibka.org) und der Giordano Bruno Stiftung an die Opfer dieses Verbrechens zu gedenken und für den Erhalt des Rechtes auf Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit ein Zeichen zu setzen. Dazu wurden ca. 40 Objekte aus den Einsendungen des seit 8 Jahren im zweijährigen Turnus ausgeschriebenen Kunstpreises „Der Freche Mario“. im rechten Teil der Kulturbühne ausgestellt. Beeindruckend unterstützt wurden die Veranstalter vom eigens aus Österreich angereisten STERN-Zeichner Gerhard Haderer und dem Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner und ihren Plädoyers für  Freiheit und  Zivilcourage.

Für diesen besonderen Gedenk-Abend als Solo-Künstler angekündigt war ein Urgestein des Bayerischen Kabaretts, dessen künstlerischer Werdegang über Jahre begleitet war von Anzeigen wegen Beleidigungen religiöser Gefühle (§ 166 StGB), von Beschimpfungen klerikal-konservativer Menschen und von Auftrittsabsagen in letzter Minute durch massiv bedrohte Veranstalter. Sigi Zimmerschied ist mit seinen 62 Jahren noch immer eine beeindruckende Ausnahmeerscheinung im deutschen Kabarettbetrieb. Ein Ein-Mann-Theater ist dieser eher gedrungene Niederbayer, ausgestattet mit beeindruckender Mimik, unglaublicher Sprachkraft, schier unendlicher Wortgewalt und einem raren imitatorischen Talent, der berserkend, ätzend und gewaltig in zurückhaltendem schwarzen Gewand vor dem schwarzen Bühnenvorhang mit „Tendenz steigend“  zuerst die gesamte Bühne erfaßte, und dann das ganze ausverkaufte Haus mit verschiedenen, immer wiederkehrenden Gestalten aus seiner Familie und nahen Umgebung beeindruckend konfrontierte. „Der“ Gaby als Teil des lesbischen Elternpaares des unerzogenen Nelson Elton Maria, der in Wohngemeinschaft mit zwei Nonnen lebende, sich weltmännisch gebende katholische Weihbischof, der mit dem IS sympathisierende Neffe und Computer-Nerd Bertie und nicht zuletzt der verhätschelte, rumänische Mischlingsköter Caligula und seine Eskapaden erschienen nacheinander und nahmen vor dem geistigen Auge des Publikums beängstigend echt Gestalt an – und das alles vor dem Hintergrund des glaubhaft angezeigten, steigenden Hochwassers und des dadurch scheinbar immer dringender werdenden Handlungsbedarfes für alle Figuren.

Nach eineinhalb Stunden Wort-Theater – kaum zu fassen – beruhigte sich die Hochwasserlage bei Zimmerschied, die Pegel sanken und damit auch die Erregung über die so glaubhaft skizzierten Feindbilder. So, wie Zimmerschied leise summend ein „Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König“ beim ersten Betreten der Bühne an diesem Abend auf den Lippen hatte, so verschwand er – vermutlich nur scheinbar wieder beruhigt und wiederum summend – hinter dem schwarzen, schweren Vorhang, als sein „Hochwasser-Monolog“ zu Ende war. Die Gefahr war doch vorüber, das bedrohende Hochwasser doch gesunken und eine Versöhnung mit den Feindbildern doch fast möglich, oder? Doch die von Zimmerschied zum Leben erweckten Figuren verblieben noch lange nach dem donnernden Schlußapplaus in den Köpfen seines Publikums und ließen eine Frage irgendwie unbeantwortet. Was braucht man, um „froh“ zu sein? Unstrittig sicher kein Hochwasser, aber der Pegel war ja auch wieder gesunken. Man ahnte es: was ist mit „dem“ Gaby, dem Bertie und dem Nelson Elton Maria? Die sind wohl geblieben. Und dem Publikum blieb beim Nachhauseweg eine eher un-frohe Ahnung…

Assunta Tammelleo

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