Foto: Evelin Frerk

„Dass alle die Wahrheit suchen, heißt nicht, dass es sie gibt“* – Zum Tod von Dr. Karlheinz Deschner

Es ist dem kleinen Karl Heinrich Leopold Deschner nicht in die Wiege gelegt worden, dass aus ihm einmal der berühmteste Kirchenkritiker des Abendlandes werden sollte. Mit 10 Jahren wollte Deschner schließlich noch Pfarrer werden. Letztlich haben sich auch Franziskaner, Karmeliter und englische Fräulein um seine frühe Schulbildung redlich bemüht, deren Einfluss sich letztlich gegen die Kraft der Gedanken von Kant, Nietzsche und Schopenhauer aber nicht halten konnte. Zunächst schrieb er als Literaturwissenschaftler und Historiker „Kitsch, Konvention und Kunst“ und „Talente, Dichter, Dilettanten“, wo er so viel bewunderten Autoren wie u.a. Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll und Hermann Hesse ein vernichtendes Kitsch-Urteil ausstellte… endlich einmal einer, möchte man da noch heute rufen. Als Kritiker hat er sich zeitlebens verstanden.

Vermutlich Kant, Nietzsche und Schopenhauer waren letztlich weit eher für seine berufliche Hinwendung zur Kirchenkritik verantwortlich als die Heirat mit der geschiedenen Elfi Tuch 1951, die ihm die Exkommunikation durch den damaligen Bischof Julius Döpfner einbrachte. 1956 erschien „Die Nacht steht um mein Haus“, danach sein erstes kirchenkritisches Werk „Was halten Sie vom Christentum“ und 1962 das Standardwerk „Und abermals krähte der Hahn“. 1970 schloss er schließlich mit dem damaligen leitenden Redakteur Sachbuch des Rowohlt-Verlags, Hermann Gieselbusch, einen Vertrag über einen Band zur „Kriminalgeschichte des Christentums“ ab… Es sollten insgesamt im Laufe der folgenden Jahre 10 Bände werden, und der letzte konnte aus gesundheitlichen Gründen nur noch durch den Einsatz von Dr. Michael Schmidt-Salomon fertig gestellt werden. 1971 stand Deschner in Nürnberg wegen Kirchenbeschimpfung vor Gericht. Das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Dr.Karlheinz Deschner war ein warmherziger Melancholiker**, Einzelgänger, Schwerstarbeiter, Agnostiker, Vater von drei Kindern und überzeugter Vegetarier. Er arbeitete ohne Rücksicht auf Sonn- und Feiertage ohne Unterlass, bis zum Schluss auf der Schreibmaschine und ohne Computer im kleinen Haßfurt. Er war noch keine 50 Jahre alt, als ihn der erste Herzinfarkt ereilte, und die letzten Jahre wurde er zunehmend schwach und chronisch krank. Weit über 50 Schaffensjahre widmete er als „Richter Gnadenlos“ (FAZ) dem Kampf gegen „Gott und Teufel“ (WELT) und setzte sich ein für einen „götterlosen Himmel“ und eine „priesterfreie Welt“ (AZ). Die inzwischen recht zahlreich existierenden säkularen Verbände unterstützte er viele Jahre nach Kräften. Als der bayerische Kabarettist Sigi Zimmerschied sich 1975 wegen seines Stückes „Die Himmelskonferenz“ wegen Verstoß gegen §166 StGB (Gotteslästerung) vor Gericht verantworten muss, sucht auch er beim damals schon einschlägig bekannten Deschner Rat (und wurde im übrigen vom Vorwurf der Gotteslästerung freigesprochen).

Trotz seines unglaublichen Einsatzes, seiner Akribie, seines Fleißes reichte es nie zu einem wirklich sorgenfreien Leben für die fünfköpfige Deschner-Familie. Es fanden sich glücklicherweise Bewunderer, die ihrer Bewunderung Taten folgen ließen, u.a. der Schweizer Journalist und Philosoph Robert Mächler und der Unternehmer und Gründer der Giordano Bruno Stiftung, Herbert Steffen. So war Deschner doch in der Lage, solch ein umfangreiches Werk fürs erste fertigzustellen. Nach all den Jahren des literarischen Kampfes gegen eine christliche Übermacht hätte er gegen Ende seines Lebens seine Kraft gerne noch den Tieren gewidmet… Dass ihnen die Achtung und Würde entgegen gebracht würde, die ihnen zusteht, ein – wie er selber wußte – vermutlich noch aussichtloserer Kampf als der gegen die christliche Übermacht. „Wer die Kirche verlässt: ein Lichtblick für mich; wer kein Tier mehr isst: mein Bruder“ (Wikipedia).

Für meinen eigenen Einsatz für die Trennung von Staat und Kirche war Dr.Karlheinz Deschner unverzichtbar. Die Gespräche mit ihm am Rande der Ersten Atheisten-Konferenz in Fulda im Herbst 1991 (https://www.ibka.org/artikel/miz91/fulda.html), bei seinen Vorträgen an der Technischen Universität München Ende der 80er, in Stuttgart, in Zürich und zuletzt 2007 bei der Preisverleihung der Giordano Bruno Stiftung in Frankfurt …eine große Ehre und Ermutigung. Der bfg mÜnchen hat Dr. Karlheinz Deschner seit seinem 80. jährlich mit einem kleinen Geschenk zum Geburtstag gratuliert, wofür er sich bis 2012 immer persönlich telefonisch bei mir als Vorsitzender bedankte. Bereits im letzten Jahr hat diese Aufgabe – wegen der Krankheit ihres Vaters – seine Tochter übernommen. Am 8.April 2014, einige Wochen vor seinem 90.Geburtstag, ist Dr.Karlheinz Deschner gestorben. Ich wünsche ihm eine schmerzfreie, frohe letzte Reise und werde ihn – nicht nur als „Götterlose“ – sehr vermissen.

Wolfratshausen, im April 2014

Assunta Tammelleo

*nach Dr.Karlheinz Deschner
**nach Hermann Gieselbusch

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